Kollege Zufall

Eine Wohnung in Berlin zu finden, ist nicht einfach. Ich habe 2012 für die Dauer meiner Probezeit in einem kleinen Apartment in Kreuzberg gewohnt. Von dort habe ich meine Wohnungssuchen gestartet. In dem 30-Minuten-Radius um den Standort meiner Arbeitsstelle herum habe ich alles an verfügbarem Wohnraum abgegrast. Einfach aussichtslos. Es war echt zum verzweifeln. Zu teuer, zu groß, ohne Aufzug, ohne Garten, zu laut, das Haus zu schmuddelig – irgendetwas war immer falsch.

In meiner Verzweiflung habe ich den Radius einfach ausgedehnt. Bevor ich keine Wohnung finde wollte ich wenigstens in Berlin, also nicht im Speck-Gürtel, eine Bleibe finden. Mit einem Makler in Marzahn hatte ich einen Termin ausgemacht. Ich war pünktlich da, der Makler kam nicht und war auch telefonisch nicht zu erreichen. Als ich mich wieder auf den Weg nach Kreuzberg machte, war ich eigentlich etwas erleichtert, denn die „Plattenbauten“ hatten mich schon äußerlich nicht so richtig überzeugt.

Ich bin dann mit der S-Bahn noch etwas herumgefahren und bin spontan in Friedenau ausgestiegen. Der Name hatte mich irgendwie an meinen verstorbenen Vater erinnert, der, wenn man ihn nach einem Geburtstagswunsch fragte, immer die selbe Antwort gab: „Ruhe und Frieden“.

Dieses Foto ist aus dem Jahr 2019 – viel sauberer!

In Friedenau ausgestiegen, war die Enttäuschung im S-Bahnhof Friedenau riesengroß. Der Bahnhof sah so schmutzig aus, die schönen Leuchter im Treppengang waren bis zur Unkenntlichkeit mit Staub belegt, alles war mit Grafitti beschmiert – überall Kippen. Beim Herunterlaufen musste ich eine wegweisende Entscheidung treffen: links herum oder nach rechts.

Foto aus dem Jahr 2019

Nach rechts (eigentlich habe ich es nicht so mit rechts). Ich war noch nicht ganz oben auf der Treppe, da wurde mir schlagartig klar, dass es hier richtig war. Vor mir lag das S-Bahn-Café. An kleinen Tischen saßen zahllose Menschen, tranken Kaffee oder Weizenbier, unterhielten sich zwanglos, rauchten und schienen den Augenblick zu genießen. Einige hatten es sich in den Café-eigenen Liegestühlen bequem gemacht. Von irendwo plätscherte leise Klaviermusik in das Rondell. Im Hintergrund war ein kunstvoll verziertes Wohnhaus mit prachtvoll begrünten schmiedeeisernen Balkoneinfassungen zu sehen. Nachdem ich mich von dem Idyll lösen konnte, bin ich einfach darauf losgelaufen und schließlich am Breslauer Platz angekommen.

Bei Marcellos: Morgenpost, Antipasti und Soave

Dort war der üppig mit Marktständen gefüllte Wochenmarkt im vollen Gange. Nach einem ausgiebigen Rundgang über den kleinen Markt bin ich bei einem italienischen Restaurant gelandet. Mit einladendem Duft nach Antipasti lockte das „Marcellos“. Ich hatte das Glück, dass ein Platz am Fenster frei war, um das bunte Treiben auf dem Markt weiter zu beobachten. Wie schön war das anzusehen, dass die Friedenauer Menschen hier mit Alt und Jung so entspannt und rücksichtsvoll umgehen.

Hier will ich leben – aber woher die Wohnung nehmen? Frisch gestärkt und hochmotiviert habe ich mich nach einer geschlagenen Stunde auf den Weg gemacht, um die Umgebung in Friedenau weiter zu erkunden. Überall schön restaurierte alte Häuser. Hier wollte ich dann in der kommenden Woche am Mittwoch wieder ansetzen.

Gesagt – getan: Der Weg führte mich dann über den Reneé-Sintenes-Platz mit dem Bronze-Reh zu der Kirche „Zum Guten Hirten“.

Dort saß, vor der imposanten Eingangstür, ein älterer Herr (Herr B.) auf einem Holzstuhl und drehte sich eine Zigarette. Neben ihm Stand ein Schild mit der Aufschrift „Orgelpunkt“. Ich muss wohl interessiert zu ihm hingeschaut haben. Herr B. sprach mich an, ob ich nicht Lust hätte, dem bevorstehenden Orgelkonzert in der Kirche zu lauschen. Es gäbe auch ein paar große Franzosen. Große Franzosen? Recht verwunderlich, der Herr.

Blick auf den Altar beim Orgelkonzert

Wir haben uns nach dem Orgelkonzert noch weiter unterhalten. Mit „Die großen Franzosen“ waren die Orgelmusik-Komponisten Widor und Messiaen gemeint. Warum groß wurde mir im Konzert klar: bei den Klangexplosionen bogen sich die Kirchenwände schier nach außen, besonders beim Tiefbass in der Subkontra-Oktave. Wieder etwas dazugelernt. Ich Verlauf der Unterhaltung habe ich von meiner erfolglosen Wohnungssuche berichtet. Was dann kam war völlig überraschend: „Geh mal die Wiesbadener Straße da runter, dritte Straße links und dann bis zum Ende. Dort ist ein kleiner Kasten vor einem Makler-Büro. Dort holst du einen Zettel mit Wohnungsangeboten heraus. Dann kommst du wieder zurück.“

Gesagt – getan. Mit dem Zettel in der Hand kam ich wieder zurück zum Kircheneingang, vor dem nun zwei Holz-Stühle standen. Dort haben wir uns dann noch eine Zeit vergnüglich unterhalten. Das Ergebnis war: „Die Wohnung in der Fregestraße 10, die ist gut, hab ich gesehen, die kannste dir leisten“.

Der Rest bestand nur noch aus einigen kleinen Formalitäten, denn die Wohnung war wirklich noch nicht vermietet. Was für ein glücklicher Zufall!